Nicaragua zählt zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas und ist geprägt von Arbeitslosigkeit, fehlenden Zukunftsperspektiven und Armut. Die Perspektivlosigkeit endet nicht selten in Alkoholmissbrauch, Gewalt und Kriminalität. Häusliche Gewalt, Angst und Ausbeutung prägen das Leben vieler Kinder. Sie sind Aggressionen oft schutzlos ausgeliefert. Weil sie die Armut und die Gewalt in ihren Familien nicht mehr ertragen, fliehen sie auf die Straße. Mit dem Resultat, dass die Anzahl der Straßenkinder in den Städten steigt, wo sie weitere Übergriffe erfahren und erneut Opfer von Gewalt und Missbrauch werden. Besonders Mädchen leiden unter den Erfahrungen, die sie bei Übergriffen auf der Straße, gezwungener Prostitution oder in Fällen von Missbrauch und Vergewaltigung erleben. Auch der ansteigende Fremdenverkehr bringt negative Nebenwirkungen mit sich: Der steigende Sextourismus wird zwar von den öffentlichen Stellen offiziell nicht wahrgenommen, hat aber enorme Auswirkungen auf das Leben unzähliger Kinder und Jugendlicher in Nicaragua.
Das Mädchenwohnheim „Hogar Madre Albertina“ liegt im Zentrum Granadas, der drittgrößten Stadt Nicaraguas, und setzt sich genau für diese Kinder ein. Es ist ein Schutzzentrum für Mädchen, die bereits Opfer sexueller Gewalt wurden sowie für Mädchen, die in Risikosituationen leben, stets in der Gefahr, missbraucht zu werden. „Wir wollen nicht nur helfen, wenn es zu spät ist, sondern vor allem auch handeln, bevor es zu spät ist“, betont Schwester Ligia Rodríguez Estrada, die Leiterin des Mädchenwohnheims. Das Ziel des „Hogar Madre Albertina“ ist es, den Mädchen ein familiäres Umfeld zu geben, in dem sie behütet aufwachsen können und lernen, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen.
Zurzeit leben 24 Mädchen zusammen mit drei Ordensschwestern im Wohnheim. Jedes Mädchen besucht eine öffentliche Schule und hat bestimmte Aufgaben und Pflichten, die ganz selbstverständlich und zuverlässig ausgeführt werden. Im Hof spielt sich über Tag das Leben ab. Hier lernen, lesen und spielen die Kinder. Einmal am Tag kommen die Mädchen mit den Schwestern in einer kleinen Kapelle zum Gebet zusammen.
Neben der Schulausbildung, auf die ein besonderes Augenmerk gelegt wird, werden im Hogar zahlreiche Freizeitaktivitäten wie Tanzen, Malen und Basteln sowie Sport angeboten und auch Seminare zur Gesundheitserziehung und Ernährungslehre sowie Gruppen- und Einzeltherapie. Traumatisiert von der Gewalt und dem Missbrauch fallen viele Mädchen oft durch Verhaltensstörungen auf. Eine begleitende therapeutische Betreuung ist vor diesem Hintergrund ein wichtiger Bestandteil der Arbeit im Hogar Madre Albertina, um den Kindern bei der Verarbeitung des Erlebten behilflich zu sein. „Viele der Mädchen haben Schreckliches durchmachen müssen, bevor sie hierherkamen,“ beschreibt Karla Mayorga, die Psychologin der Einrichtung. Die Gespräche mit der Psychologin helfen den Mädchen, über das Erlebte zu sprechen und sich langsam zu öffnen. Ihnen soll dabei geholfen werden, wieder ein ganz normales und selbstbestimmtes Leben führen zu können. Mit der Zeit fassen die Mädchen Vertrauen und leben im Laufe der Therapie wieder auf.
Weil die Wohnräume des Mädchenwohnheims nicht ausreichend Platz boten, wurde mit Hilfe des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“ ein erster Bauabschnitt finanziert. In einer zweiten Bauphase sollen nun ein Schlafsaal, ein Speisesaal sowie Nebenräume und eine Wäscherei gebaut werden. Die Sternsinger helfen bei der Finanzierung der Bauarbeiten, damit möglichst viele Mädchen in der schützenden, heilenden und stärkenden Umgebung des „Hogar Madre Albertina“ aufwachsen können.