Drei Frauen – drei Schicksale - verbunden durch ihre Wertschätzung von Schulbildung
Lebensgeschichtliche Interviews aus dem Adivasi-Gebiet unseres Partners KJKS (FN1)
(Corinna Wallrapp, Infobrief 2025)
„Dank des Nachhilfeunterrichts und der Überzeugungsarbeit der Leute von KJKS konnte ich die 12. Klasse abschließen. Meine Eltern waren erst dagegen, dass ich so lange zur Schule gehe, aber die Mitarbeiterinnen konnten sie umstimmen, ihnen klar machen, dass Schule gut und wichtig für mich ist. Eigentlich wollte ich anschließend aufs College gehen, aber mein Vater war strikt dagegen. Ich akzeptiere seine Entscheidung und bin dankbar, dass ich zwölf Jahre zur Schule gehen durfte und nun als Lehrerin den Nachhilfeunterricht von KJKS weiterführen darf. Schon als Jugendliche habe ich andere Kinder unterstützt und betreut, damit sie regelmäßig in die Schule gehen. Ich mag es gerne, Verantwortung zu übernehmen und anderen Kindern etwas beizubringen. Wie es weitergeht? Meine Eltern suchen nun einen Bräutigam für mich. Vieles hängt dann davon ab, was er nach der Heirat erlaubt.“ Dies erzählt Asmin, ein siebzehnjähriges muslimisches Mädchen aus dem Projektgebiet unseres Partners KJKS. Muslime sind eine kleine Minderheit in der Adivasi-Region im Jhargram Distrikt. Die Familien sind sozial wenig integriert, leben unter oft schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen und haben ihre eigenen Traditionen, die vor allem für Mädchen schwer aufzubrechen sind.
Während meiner Projektreise nach Westbengalen im Februar 2025 habe ich Interviews mit drei Frauen im Adivasi-Projektgebiet darüber geführt, wie die Aktivitäten von KJKS ihr Leben beeinflusst haben. Die Gespräche sollen regelmäßig wiederholt werden, um die Frauen über mehrere Jahre hinweg zu begleiten und so beispielhaft sehen zu können, wie unsere Arbeit sich längerfristig auf die Lebensverhältnisse der „Projektbegünstigten“ auswirkt.
Galomni gehört der sozial und ökonomisch besonders benachteiligten Adivasi-Volksgruppe der Sabar (Lodha) an und lebt im gleichen Dorf wie Asmin. Die beiden jungen Frauen haben zusammen die Schule besucht und den Abschluss gemacht. Im Alter von 12 Jahren wurde Galomni ein Waisenkind. Ihre Mutter starb bei einem Streit mit dem Vater, der wiederum wenige Monate später im Gefängnis starb. Zusammen mit ihrem Bruder, der schwere gesundheitliche Probleme hat, lebt sie seitdem bei der Familie ihres Onkels, wo sie im Haushalt, z.T. auch bei anderen Familien, mitarbeiten muss. Auch sie kann nicht auf eine weiterführende Schule gehen, denn dafür bräuchte sie Geld: die Unterkunft im staatlichen Hostel für Lodhas wäre umsonst, aber Geld für Schulbücher, Matratze und Schulkleidung fehlt und ihr Onkel möchte, dass sie weiterhin für die Familie arbeitet. Vor allem aber will sie ihren Bruder nicht im Stich lassen und aus dem Dorf fortgehen. Im Gegensatz zu Asmin ist Galomni sehr enttäuscht und kann ihre Situation nur schwer akzeptieren.
Mousumi und ihre FamilieMousumi und ihre Familie © IH
In einem benachbarten Dorf spreche ich mit Mousumi, einer Frau Mitte dreißig und ebenfalls aus der Sabar (Lodha) Gemeinschaft. Sie hat zwei Töchter und einen Sohn, die in die 12., 10. und 8. Klasse gehen, zwei auf Schulen in der Stadt Jhargram; sie leben im Hostel. Mousumi ist stolz auf ihre Kinder und ermutigt alle drei, so lange wie möglich zur Schule zu gehen, gute Abschlüsse zu machen und einen guten Arbeitsplatz zu finden. Heiraten sollen die Kinder, auch die Töchter, erst, wenn sie ihr erstes eigenes Geld verdient haben und unabhängig leben können. Sie vertraut ihren Kindern, dass sie gute Entscheidungen treffen werden.
Auf meine Frage, wie lange sie selbst zur Schule ging, merke ich ihre Enttäuschung sofort: „Ich musste die Schule in der 9. Klasse abbrechen. Die Schule und das Hostel waren zwar umsonst, aber meinem Vater fehlte das Geld für Matratze und Aluminium-Köfferchen. Es schmerzt mich immer noch, wenn ich daran denke. So gerne wollte ich weitermachen.“ Mousumi heiratete wenig später, mit 15 Jahren, einen Mann, Lodha, und zog mit ihm in das Dorf, in dem sie jetzt immer noch lebt. Sie hat sich einen kleinen Kiosk aufgebaut. Ihr Mann ist Hausmeister in einem Hostel. Sie unterstützt regelmäßig das KJKS-Projektteam und andere Lodha-Familien im Dorf, wenn es um Bildung für deren Kinder geht, z.B. indem sie Dokumente für die Schulanmeldung zusammenzustellen hilft oder mit den Eltern spricht, wenn deren Kinder nicht regelmäßig in die Schule gehen. Auch wenn die Familie von Mousumi innerhalb des Dorfes relativ wohlhabend zu sein scheint und das Zusammenleben mit dem Ehemann einen harmonischen Eindruck macht, sitzt der Schmerz über den verwehrten Schulabschluss tief in ihr. Sie hat die negativen Folgen eines vorzeitigen Schulabbruchs auf ihr weiteres Leben (frühe Heirat, keine Ausbildung, wenig Unabhängigkeit) selbst erfahren und möchte ihren und anderen Kindern diesen Schmerz und diese Enttäuschung ersparen. Bildung ist für sie der einzige Ausweg in ein selbstbestimmtes Leben.
Die drei Lebensgeschichten sind Einzelschicksale, doch das starke Bewusstsein für den Wert von Bildung verbindet die drei Frauen. Ich bin sicher, auch wenn Asmin und Galomni auf Grund ihrer familiären Situation nicht auf das College gehen können, so haben sie doch viel an Selbstbewusstsein und Kompetenzen in der Schule gewonnen, die ihr weiteres Leben beeinflussen werden. Mit ihren eigenen Kindern werden sie wahrscheinlich bewusster umgehen und ihrer Ausbildung eine deutlich höhere Priorität beimessen, so wie es Mousumi für ihre Kinder bereits macht.
Die Begegnungen haben mich beeindruckt. Sie spiegelten mir die Realität und die unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Situationen in den einzelnen Familien in den Projektdörfern wider und somit auch die sozialen und wirtschaftlichen Grenzen von außergewöhnlichen Erfolgsgeschichten. Auch die langfristigen positiven Wirkungen von Bildungsförderung wurden mir deutlich – bei den heutigen Projektbegünstigten und sehr wahrscheinlich in der Generation danach. Ich bin gespannt, die drei Frauen bei meiner nächsten Projektreise wieder zu treffen und zu sehen, wie sich ihr Leben weiterentwickelt hat.
Im Projektgebiet von KJKS (Kajla Jana Kalyan Samity) fördern wir seit 2016 Kinder aus benachteiligten Gesellschaftsgruppen durch ein kindzentriertes Entwicklungsprojekt. Im Jahr 2025/26 unterstützen wir Nachhilfeunterricht für über 300 Kinder in zehn Dörfern, betreiben Aufklärungsarbeit mit Familien und Gemeinden vor allem zu Bildung, neben Ernährung, Gesundheit und Hygiene. Mit den staatlichen Schulen und Mutter-Kind Zentren (ICDS-Zentren) sowie Regierungsbehörden wird eng zusammengearbeitet, bei gemeinsamen Aktionen wie Lese-Camps, Aufklärung über Kinderrechte ebenso wie bei der Beseitigung von Missständen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie, dass mehr Kinder aus der Projektregion die vielen positiven Auswirkungen von Bildung erfahren können.
Projektkosten Kindzentrierte Entwicklung (Adivasi-Dörfer) 2025/26: 41.300 Euro
Stichwort: Adivasi