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Informationen zum Projekt

„Das Haus ist ziemlich groß, man sieht jedoch mit einem Blick, daß es heruntergekommen ist. Der Älteste der Brüder, das Oberhaupt der Familie, gilt als der schlimmste Säufer der ganzen Gegend. Eine Frau in schmutzigem Sari öffnet uns. Vor dem Haus hockt eine alte Frau auf dem Boden und stiert uns mit glasigem Blick an. Es ist die Mutter der Brüder. Sie trägt keine Bluse unter ihrem Sari und trinkt schon zum Frühstück ihr Reisbier.

Wir betreten das finstere, fensterlose Haus. Die Innenausstattung ist ärmlich, es gibt kaum Geräte. Schlafräume sind nicht vorhanden. Der Mann schläft in einem ebenerdigen Getreidespeicher. Die Veranda, nach außen abgegrenzt durch geflochtene Matten, dient gleichzeitig als Stall für Kühe, Ziegen und Hühner. Winzige Küken wuseln herum. Über eine gefährlich steile Leiter gelangen wir in das Obergeschoß. Auch hier ist ein Speicher, der zugleich als Schlafraum dient. Wie und wo hier jemand schlafen kann, ist mir schleierhaft. Ich sehe keinen Platz, wo ein Mensch sich hätte ausstrecken können. Wir entdecken einen Bogen an der Wand, ohne Pfeile. Lawrence flüstert mir zu, daß die Frauen die Pfeile verstecken, damit der Hausherr in betrunkenem Zustand keinen Schaden anrichten kann. Es kommt vor, daß er im Rausch aggressiv wird und einen Nachbarn bedroht.

Das Haus wirkt auf mich bedrückend. Es ist offensichtlich, daß hier elende Armut herrscht und daß schlecht gewirtschaftet wird. Der Hof ist voll schmutziger, halbnackter Kinder. Frauen kreischen, ohne uns zu beachten.“ Susanne S., Schriftstellerin aus Wien und langjähriges Indienhilfe-Mitglied, verbrachte im Rahmen einer von der Indienhilfe organisierten Projektreise im Februar mehrere Tage im West Midnapur Distrikt. Das von ihr besuchte Haus ist keine Besonderheit. Die im Projektgebiet lebenden Adivasi (indigene Bevölkerung), hauptsächlich Santhals und Lodhas, gehören zur ärmsten Bevölkerungsschicht Indiens. Die Abholzung ihres ursprünglichen Lebensraums, des Dschungels, brachte sie um ihre Existenzgrundlage. Statt zu jagen und zu sammeln, versuchen sie, ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner, Pächter und Kleinstbauern zu verdienen. Ihr Einkommen reicht meist nicht einmal aus, die Familien ausreichend zu ernähren. Häufig dient Reisbier als Ersatz für eine Mahlzeit – es ist billig, verdrängt den Hunger, und der Alkohol betäubt die Sorgen. Viele Kinder sind vernachlässigt, unterernährt, verwurmt, häufig krank.

Dem gegenüber sind in den von der Indienhilfe unterstützten Dörfern des „Integrated Development Project (IDP) West Midnapur“ schon rein äußerlich deutliche Fortschritte festzustellen: die Menschen achten auf ihr Äußeres, halten ihre Kleidung in Ordnung, sind gesünder, besser ernährt, machen einen wacheren und selbstbewußteren Eindruck. Ihre Dörfer und Hütten sind sauberer und werden instand gehalten. Es gibt üppige Küchengärten, die Trinkwasserstellen sind befestigt und sauber, und sogar Toiletten finden sich! Neben den traditionellen Taglöhnertätigkeiten florieren Handwerk und Dienstleistungsbereich. Die Wände der Lehmhäuser sind mit Werbung für die staatlichen Polio-Impfprogramme und die Ein- bis Zweikindfamilie bemalt.
Partner der Indienhilfe ist hier die kirchliche Entwicklungsorganisation „Seva Kendra Calcutta (SKC)“. Dreißig neue Dörfer sollen heuer einbezogen, mehrere tausend Adivasi-Familien, vor allem die am stärksten an den Rand gedrängten Lodhas, in dann insgesamt 77 Dörfern erreicht werden. Rückgrat der Dorfentwicklung sind die Selbsthilfegruppen (SHGs). Jeweils 10 bis 20 Frauen aus Nachbarschaften schließen sich dabei zu Spar- und Aktionsgruppen zusammen und nehmen die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen selbst in die Hand, beraten und unterstützt durch die Dorfanimator/innen des Projekts. 307 erfolgreiche Gruppen existieren schon, 90 neue sollen 2006 gegründet werden! Susanne S. war beeindruckt von ihrem Treffen mit den Frauen:
„ Am Nachmittag treffen wir eine Frauengruppe in einem Lodha-Dorf. Sieben Frauen mit zehn Kindern sind in das von der IH finanzierte „Lernzentrum“ gekommen, wo morgens die Kinder bei den Hausaufgaben betreut werden. Alle Frauen sind in ihren besten Saris erschienen. Sie tragen bunte Armreifen, Nasenbrillanten, eine sogar einen goldenen Nasenring. Immer mehr Frauen strömen herbei und Kinder, die uns zusehen, ein paar recht wilde darunter, andere in ordentlichen Kleidern. Es ergibt sich ein lebhaftes Gespräch. Die Frauen haben einen Sparkreis gegründet. Sie sind Analphabetinnen, können aber immerhin ihren Namen schreiben und zahlen pünktlich ihre monatliche Einlage von 35 Rs (0,70 €). Stolz zeigen sie uns ihre Kasse, eine Metallbox, in der sich ihre Ersparnisse von insgesamt 1.700 Rs (34 €) befinden. Es fällt den Frauen nicht leicht, von ihrem geringen Verdienst Geld für die Sparkasse abzuzweigen. Aber sie schaffen es irgendwie. Sie sparen für ihre Kinder und ihre Altersversorgung.

Es fällt mir nicht leicht, von den Dorfbewohnern Abschied zu nehmen. Diese Frauen, die mit uns getanzt und gesprochen haben, die uns an ihrem Alltag teilnehmen ließen, sind mir ans Herz gewachsen. Es ist ihnen ein Anliegen, daß die Entwicklung in ihrem Dorf weitergeht. Sie wollen, daß ihre Kinder es besser haben. Überall habe ich den Eindruck, daß die SHGs von den Frauen bereitwillig angenommen werden und daß sie ihnen einen echten Rückhalt geben.“

Der Erfolg des Projekts wird auch im Bereich Bildung deutlich: Kinder im schulpflichtigen Alter besuchen mittlerweile die lokalen Regierungsschulen, so dass die einstigen Nonformalen Schulen in Nachhilfezentren umgewandelt werden konnten. Weil die meisten Eltern nicht lesen und schreiben können, sind Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe durch die Projektmitarbeiter wesentliche Voraussetzung, um im staatlichen indischen Schulbetrieb bestehen zu können. Neu in diesem Jahr ist die Aufnahme von Umweltbildung in den Zentren. Durch die Beobachtung und Erfassung der wichtigsten Bäume in der Umgebung ihres Dorfes nehmen die Kinder ihre Umwelt bewußter wahr und können Veränderungsprozesse erkennen („Participatory Vegetation Monitoring“). Auf Basis dieses Wissens sollen die Kinder ein Bewußtsein für den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen entwickeln und eigene Aktivitäten zum Schutz der Umwelt durchführen und so dem weiteren Absterben des Dschungels entgegenwirken.

Verantwortlich für die stärkere Einbeziehung von Umweltaspekten in die Aktivitäten ist der neue Koordinator Sudarshan Dey, der das Projekt seit August 2005 leitet. Für ihn ist Entwicklung ein ganzheitlicher Prozess, der Bildung, Gesundheit, Ökonomie und Ökologie umfaßt, die sich gegenseitig beeinflussen: mangelnde Bildung führt zu einem geringen Bewußtsein über Hygiene und vorbeugende Gesundheitsmaßnahmen. Der dadurch verschlechterte Gesundheitszustand führt zu Verdienstausfällen und der Entstehung hoher Arztkosten, die sich wiederum negativ auf die finanzielle Situation der Familie auswirken. Um das Überleben der Familie zu sichern, müssen die Kinder arbeiten anstatt eine Schule zu besuchen. Gleichzeitig führt die durch Armut und häufige Darmerkrankungen bedingte Mangel- und Fehlernährung zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes.
Um diesen komplexen Zusammenhängen auf Dorfebene gerecht zu werden, ist der Aufbau eines kompetenten und motivierten Mitarbeiterteams unverzichtbar. In diesem Jahr werden zwei Fachleute für die Leitung der Bereiche Gesundheit und Bildung eingestellt, um die Wirksamkeit der Maßnahmen zu verbessern und die Dorfanimatoren anzuleiten. Bei monatlichen Treffen tauschen sich die Mitarbeiter über Projektfortschritte und auftretende Probleme aus und erarbeiten gemeinsam ihren Aktionsplan für den nächsten Monat. Ergänzt wird dies 2006 durch einen Fernlernkurs zu „Sektoraler Integration“ für 17 Mitarbeiter. Theorie und Praxis werden verbunden, indem jeder Teilnehmer ein eigenes Projekt, das die theoretischen Kursinhalte wiederspiegelt, in seinem Dorf durchführt.

Für das Projekt werden in diesem Jahr 61.000 € benötigt: z.B. 3.300 € für die Ausbildung der SHG-Leiterinnen, Lern- und Lehrmittel à 85 € für 83 Nachhilfezentren, Schuluniformen und -taschen à 2 € für 80 Lodha-Kinder, 390 € für die Umweltbildung, Fernlernkurs „Sektorale Integration“ für 17 Mitarbeiter à 50 €, Gehälter für 87 Dorf-Animatoren – durchschnittlicher Jahresverdienst eines Animators 185 €. Insgesamt werden mehr als 5.500 Familien erreicht, in denen 10.000 Kinder leben – reelle Zukunftsperspektiven für etwa 6 € pro Kind!

Spenden Sie unter dem Stichwort „IDP Midnapur“.

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Trägerorganisation des Projekts

Indienhilfe e.V.

Indienhilfe e.V.
Register-Nr.: 652

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