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Informationen zum Projekt

Unser Alltag in Deutschland hat sich durch die Corona-Pandemie radikal gewandelt. Doch in Indien ist die Situation weit gravierender. Dort wurde im Zuge der Pandemie für knapp sechs Wochen eine der strengsten Ausgangssperren weltweit verhängt. Das Haus verlassen durfte nur, wer Lebensmittel besorgen oder zum Arzt musste. Die wochenlange Isolation, die schon für gutsituierte Familien eine Herausforderung darstellt, wird für die Ärmsten, die in äußerst beengten Verhältnissen hausen oder gar obdachlos sind, zu einer existenziellen Bedrohung. Die Ausgangssperre beinhaltete ein Arbeitsverbot für alle, die nicht in systemrelevanten Bereichen (Lebensmittel, Energie etc.) tätig sind, und trifft vor allem den informellen Sektor(1) hart, wo die meisten von der Hand in den Mund leben, ohne Rücklagen oder soziale Absicherung.

Öffentliche Verkehrsmittel wurden im Zuge der Ausgangssperre komplett stillgelegt, mit dem Auto, Motor- oder Fahrrad durfte sich nur fortbewegen, wer eine polizeiliche Erlaubnis vorweisen konnte. Dutzende Millionen Arbeitsmigranten, die in den großen Megastädten Indiens oder als Saisonarbeiter auf dem Land von einem Tag auf den anderen ihre Arbeit und damit ihren Lebensunterhalt verloren, machten sich zu Fuß auf den teils mehrere hundert Kilometer langen Weg in ihre Heimatdörfer. Ohne Anspruch auf staatliche Hilfen hofften sie, zuhause von ihren Familien aufgefangen zu werden, sofern sie diese lange, strapaziöse Reise in sengender Hitze überlebten. Die Corona-Krise hat die Unsichtbaren, welche sowohl Megastädte wie die Landwirtschaft normalerweise am Laufen halten, sichtbar gemacht.

Auch in unsere ländlichen Projektgebiete in Westbengalen kehrten viele Wanderarbeiter zurück. Dort sorgen die Dorfbewohner sehr sorgfältig dafür, dass alle Neuankömmlinge den Behörden gemeldet werden und sich in Quarantäne begeben. Die Angst vor Ansteckung ist in den meisten Dorfgemeinschaften groß, Geld für eine medizinische Behandlung hat hier kaum jemand. Dass die Quarantänemaßnahmen auch zu Konflikten führen können, schildert unser Partner Seva Kendra Calcutta: Im Dorf Damhati kehrte ein Wanderarbeiter zu seiner Familie zurück. Unmittelbar nach seiner Ankunft zwangen ihn die Dorfbewohner, für 15 Tage im außerhalb gelegenen Quarantäne-Zentrum zu bleiben. Während dieser Zeit durfte er seine Familie nicht sehen. Nach Ende der Isolierung machte er seiner Frau schwere Vorwürfe, warum sie ihn nicht besucht habe, begleitet von körperlicher Gewalt gegen sie und den Sohn. Als die Kinderrechtsarbeiterin Rita Mondal davon erfuhr, schritt sie zusammen mit dem Kinderrechts- und Mädchenschutz-Komitee des Dorfes sofort ein. Es kam zu einem klärenden Gespräch, und die Familie wird nun intensiv von den Projektmitarbeitern betreut. Dies ist kein Einzelfall, weltweit ist eine Zunahme von häuslicher Gewalt im Zuge der Ausgangsbeschränkungen zu beobachten. Deshalb legen wir in unseren Projekten einen starken Fokus auf diese Problematik.

In Westbengalen fällt die Corona-Krise in eine kritische Zeit, in der sowohl Ernte als auch Aussaat unterschiedlicher Nutzpflanzen anstehen, bevor der Monsun beginnt. Wegen der Ausgangssperre fehlen Arbeitskräfte auf den Feldern, zudem ist in vielen Fällen der Transport der Lebensmittel zu den lokalen Märkten bzw. in die Städte nicht möglich. Die Lebensmittelpreise explodieren – Reis, Kartoffeln, Eier kosten teils das Zehnfache. Durch die Schließung aller Schulen verlieren in Indien über 100 Millionen Schülerinnen und Schüler ihre täglichen Schulmahlzeiten. Der Welternährungsausschuss der UN (CFS) warnt, dass sich die Corona-Pandemie zu einer Welternährungskrise entwickeln könnte, von der gerade Indien schwer getroffen werden würde. Ein Teufelskreis, denn vom Hunger geschwächte Menschen sind für das Corona-Virus anfälliger, können sich aber keine teure intensivmedizinische Behandlung leisten.

Um der drohenden Hungersnot entgegen zu wirken, lässt die indische Regierung Lebensmittelrationen an Menschen in extremer Armut verteilen. Einen Anspruch darauf hat allerdings nur, wer eine „Ration Card“ vorweisen kann oder einen Ersatz-Coupon beantragt. Viele bedürftige Menschen fallen durch dieses Raster und leiden Hunger, ihnen gilt es schnellstmöglich zu helfen.

Wie in vielen Teilen der Welt greifen in der Corona-Krise auch in Indien Verschwörungstheorien um sich. Sie richten sich oft gegen die muslimische Minderheit im Land, die schon „vor Corona“ verstärkt mit Anfeindungen konfrontiert war. So wird den indischen Muslimen z.B. unterstellt, sie würden den Virus gezielt verbreiten, um Hindus zu schaden. In den sozialen Medien kursieren Aufrufe, nicht bei Muslimen einzukaufen und sie zu meiden. In einigen abgelegenen muslimisch geprägten Dörfern im Projektgebiet unseres Partners Seva Kendra Calcutta war tatsächlich ein achtloser Umgang mit den verordneten Hygiene-Regeln zu beobachten, was aber nicht mit dem Glauben der Menschen, sondern mit fehlender Bildung und Unwissenheit zu tun hat. Gerade hier ist Aufklärungsarbeit über die dringende Notwendigkeit von Hygiene- und Abstandsmaßnahmen wichtig. Ebenso wichtig ist es, solch gefährlichen Falschmeldungen entgegen zu wirken, die sonst schnell zu gewaltsamen Unruhen führen könnten.

Andererseits gibt es auch in Indien überraschend positive Auswirkungen der Corona-Pandemie: Neben verbesserter Sauberkeit von Flüssen und Luft hat die Krise in einigen Teilen des Landes – zumindest zeitweise – zu einem Rückgang kastenbasierter Diskriminierung geführt, teilweise sind die offiziellen Meldungen bezüglich solcher Vorfälle um bis zu 95% zurückgegangen. Hier scheint die Gesellschaft enger zusammenzuwachsen, es ist eine spontane Hilfsbereitschaft gegenüber Bedürftigen festzustellen, unabhängig von ihrer Kasten-Zugehörigkeit.(2)

Die offizielle Zahl der Corona-Infizierten ist in Indien bislang vergleichsweise niedrig, doch dürfte die Dunkelziffer weitaus höher liegen. In ganz Indien sind die Testkapazitäten gering, die wenigen funktionstüchtigen Corona-Testlabore befinden sich in den großen Städten(3). Besonders besorgniserregend sind die Nachweise von Covid-19-Infektionen in den großen Slums der Metropolen wie Kolkata. Das Virus könnte sich hier rasend schnell ausbreiten. Die Situation in den überfüllten Slums ist durch die Ausgangssperre noch unerträglicher geworden. Alle Familienmitglieder verbringen nun den ganzen Tag in brütender Hitze zusammen auf wenigen Quadratmetern, die sie normalerweise im Rotationsverfahren bewohnen, da immer jemand draußen oder bei der Arbeit ist. Der mangelnde Zugang zu sauberem Wasser und Hygieneartikeln, fehlende Abwasserbeseitigung und chronische Atemwegserkrankungen (auch wegen der normalerweise extremen Luftverschmutzung) machen die Situation in den Städten in Bezug auf Corona besonders gefährlich, weil das öffentliche Gesundheitswesen einem großflächigen Ausbruch von Covid-19 nicht gewachsen wäre. In Italien, wo das Gesundheitssystem im Zuge der Pandemie an seine Grenzen geraten ist, liegt die Zahl an Intensivbetten pro 100.000 Einwohner sechsmal höher als in Indien.(4)  Es ist abzusehen, dass die Ärmsten am schlimmsten unter dem Virus mit all seinen Begleiterscheinungen leiden werden, wenn nicht massiv präventiv gehandelt wird(5). Staat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Privatpersonen – alle können dazu beitragen, die Situation der Armen zu lindern. Für die Zukunft aber sind politische Veränderungen für eine gerechtere Verteilung der Ressourcen im Land notwendig.

Mittlerweile wird auch in Indien die strenge Ausgangssperre schrittweise gelockert. Um den lokalen Gefährdungslagen gerecht zu werden, ist das ganze Land, bis in einzelne Stadtviertel hinein, in sog. rote, orangene und grüne Zonen aufgeteilt. Unglücklicherweise liegen fast alle unsere Projekte in roten Zonen, in denen viele Corona-Fälle nachgewiesen sind und daher sehr strenge Beschränkungen bestehen bleiben. Hier gilt es nun, den am schwersten Betroffenen schnell und effektiv zu helfen.

Die Lage in Indien verändert sich täglich, wie bei uns auch. Regelmäßig aktuelle Informationen zu Indien und Covid 19 finden Sie unter folgenden Links:

- Down to Earth: https://www.downtoearth.org.in
- Dalit-Solidarität Deutschland: http://www.dalit.de
- Adivasi-Rundbrief: https://www.adivasi-koordination.de
- Scroll India: www.scroll.in

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1) 87% der Arbeitskräfte in Indien sind im informellen Sektor tätig: ohne vertragliches Arbeitsverhältnis, weitgehend rechtlos, ohne soziale Absicherung, als Tagelöhner, Wanderarbeiter, in der Landwirtschaft, am Bau, bei Hilfsarbeiten, im Recycling, im Dienstleistungsgewerbe oder auch als „selbstständige“ Straßenverkäufer, Taxifahrer, Heimarbeiterinnen u.v.m.; s. „Extreme Disorder“ in: Down to Earth, Special Edition, 16-30 April 2020
2) https://indianexpress.com/article/cities/ludhiana/common-enemy-corona-helps-rural-punjab-bury-caste-faultlines-6370857/
3) In Indien werden sehr wenige Tests im Verhältnis zur Einwohnerzahl durchgeführt. Covid-19-Tests sind teuer; Ausgaben hierfür fehlen im Gesundheitssystem an anderer Stelle. https://booksandideas.net/The-Covid-19-Crisis-in-India.html
4) https://www.statista.com/chart/21105/number-of-critical-care-beds-per-100000-inhabitants/
5) In Indien bedroht das Corona-Virus insbesondere die große Zahl an Menschen mit gravierenden Vorerkrankungen wie Unterernährung, Tuberkulose, chronische Atem- und Herzbeschwerden. Es wird damit gerechnet, dass man zum Höhepunkt der Epidemie bis zu 1 Million Beatmungsgeräte brauchen könnte. Ende März waren in staatlichen Krankenhäusern weniger als 8.500 Beatmungsgeräte vorhanden, die meisten davon in den Mega-Städten

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Indienhilfe e.V.
Register-Nr.: 652

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